G e s e l l s c h a f t
Wie ein Postbote die Psychiatrie überführt ...
..und zum Schirmherrn Psychiatrie-Erfahrener wurde!


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16. Dezember 2003
Postel: Als Hochstapler unter seinesgleichen

Dresdner Morgenpost Titelbild
Ein echter Hochstapler lässt sich nicht mit Geld abspeisen: Gert Postels ungemein vergnügliche Geständnisse

Kein anderer hat die Staatsregierung unter Führung von Kurt Biedenkopf so an der Nase rumgeführt wie Gert Postel. Beinahe wäre der gelernte Briefträger sogar noch zum Chefarzt aufgestiegen. Die Morgenpost traf den leidenschaftlichen Pfeifenraucher zum Gespräch in einem Hotel in Frankfurt am Main.

Morgenpost: Sie sind am 9.1.2001 nach 32 Monaten Haft entlassen worden. Die Reststrafe wurde für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Was haben Sie unmittelbar nach der Haftentlassung als Erstes gemacht?

Gert Postel: Ich habe in einem schönen Hotel gefrühstückt.

Was gab es denn zum Frühstück?
Kaffee, Marmelade, Brötchen und Käse.

Also nichts Spezielles, keinen Champagner?
Aber nein, uns sind die einfachen Dinge lieber. Champagner überlasse ich gerne den spießigen Aufsteigern mit den Allüren der Neureichen. Lassen Sie mich zur Gefängniszeit noch sagen: Es war eine Selbsterfahrung der besonderen Art, die ich nie und nimmer missen möchte. Ich habe mit Beamten menschlich sehr angenehme Erfahrungen gemacht. Und im Gefängnis erlebt man, was man in der Theorie längst gewusst hat: Die eigentliche Welt eines Menschen ist ja die innere, nicht die äußere.

Und wie es im Innern zugeht, ist entscheidend, nicht, welche Reize von außen kommen. Ich war überwiegend heiterer Verfassung. Mein Innerstes war gar nicht dort, sondern lebte in den Problemen schopenhauerischer Philosophie. Die Justizbeamten haben im übrigen jeglichen Ermessensspielraum immer zu meinen Gunsten ausgelegt. Ich "bekam", ohne dass ich "gewollt" hätte.

Ohne dass Sie sie hätten "austricksen" müssen?
Natürlich. Ich war sehr schnell im Freigang. Für mich war die Situation auch ein wenig grotesk. Da arbeiten Sie als Oberarzt einer psychiatrischen Klinik, bekommen ein Zeugnis, in dem steht, dass Sie die "Anforderungen übertroffen" hätten, werden vom Staatsminister persönlich quasi zum Chefarzt "genötigt", und dann werden Sie zur Belohnung bestraft und gehetzt. Komische Welt und in der Psychodynamik erst mal nicht ganz leicht zu verarbeiten.

Ist es nach Ihrer Ansicht gerecht, wenn der Freistaat Ihr damals gezahltes Gehalt nunmehr zurückfordert?
Was ist Gerechtigkeit? Gibt's die?
Sicher ist das aus Rechtsgründen in Ordnung, in moralischer Hinsicht mag man die Dinge vielleicht differenzierter beurteilen.

Wissen Sie, was aus Ihrem damaligen Chef, Dr. Krömker, geworden ist?
Herr Dr. Krömker hat nach Abschluss meiner "Pressebemühungen" dann schließlich doch das Handtuch geworfen und seinen Chefarztposten aufgegeben. Er arbeitet jetzt meines Wissens in der Praxis seiner Ehefrau in Erlangen;
zugleich sitzt er als SPD-Abgeordneter im Bezirkstag. Und sehen Sie, das ist für mich der Skandal hinter dem Skandal: Ein Chefarzt, der über 18 Monate täglicher Zusammenarbeit nicht in der Lage ist, einen klinischen Oberarzt vom Briefträger zu unterscheiden, wird nach wie vor auf kranke Bürger losgelassen.

Hatten Sie noch mal Kontakt zu ihm?
Nein. Der Herr fühlt sich natürlich in seiner Eitelkeit, in seinem Narzissmus durch das Ganze erheblich gekränkt. Herr Dr. Krömker hatte damals ja seiner Frau, ebenfalls einer Nervenärztin, erzählt, was für einen großartigen Oberarzt er eingestellt hätte. Nunmehr könne sich das Ehepaar auch wieder längeren Urlaub leisten, da die Klinik ja in guten Händen sei. - Und dann kommt irgendwann der Knall. Oberarzt Dr. Postel ist in Wahrheit Volksschüler und Postbote. Die Frau wird den Glauben an ihren Mann verloren haben und dessen Fachlichkeit vielleicht ganz anders einschätzen müssen. Das wird Folgen bis in die Ehe hinein haben, man wird dann seinen Ehemann nicht mehr ganz so bewundern können...

Aber man wird Krömker zugute halten müssen, dass Sie die Geschichte ja doch verdammt gut angestellt haben, oder?
Finden Sie?

Na ja, ich finde, das, was Sie gezaubert haben...
Nein, man muss nicht besonders intelligent sein, um als Oberarzt einer psychiatrischen Klinik tätig zu sein. Während des Prozesses gegen mich ist ja - dank eines psychiatrischen Sachverständigen und Professors - alles herausgekommen: Ich bin IQ-mäßig eher schwach ausgestattet. Aber im Ernst: Die Psychiatrie lebt vom Wind der Worte und der Sprachakrobatik, der pseudowissenschaftlichen Rabulistik. Sie ist eine überaus unseriöse, auch schädliche "Kunst".

Die Frage wäre zu stellen: Gibt es überhaupt psychiatrische Erkrankung und erschöpft sich diese im Sprechakt des Psychiaters und dessen Fantasie. Eine psychiatrische Diagnose war immer auch ein Stigma, das beispielsweise von allen Systemen der Welt gerne auch politisch missbraucht wurde. Schauen Sie: Als Weiterbildungsbeauftragter der Klinik habe ich vor Psychiatern Begriffe ihrer eigenen Fachwissenschaft eingeführt, die es
gar nicht gab. Die bipolare Depression dritten Grades beispielsweise:
klingt gut, schließt Fragen aus, weil durch sie Inkompetenz eingestanden würde, gibt es aber nicht...

Mein Chefarzt fragte mich, worüber ich meine Doktorarbeit geschrieben hätte. Ich antwortete, über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Eine weitere Arbeit hätte sich befasst mit kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung. Man war begeistert über diese Aneinanderreihung vollständig leerer Begriffe! Ich habe mich gefragt, wer eigentlich ist der Hochstapler, ich oder diese Leute? Betrügt der Betrüger die Betrüger, welches ein schönes Spiel gewesen wäre?

Robin Hood?
Na ja, ich habe vielen sehr eitlen, hochgestellten Persönlichkeiten hinreichend Gelegenheit gegeben, sich zu blamieren. Ich habe ihnen den Spiegel vorgehalten, in dem sie leider nicht ganz hübsch aussahen. Was kann der Spiegel dafür, wenn ich darin hässlich aussehe?

Gut und unbegabt, wie sie sind, haben sie fürderhin auf den Spiegel eingeschlagen, statt die Aktion als Belehrung und Korrektur zu nehmen. Man sieht ja nur, was man sehen will. Man könnte es auch psychiatrischer ausdrücken ... Die eigene Eitelkeit verbietet eben bestimmte höchst belehrende Einsichten.

In Ihrem Buch widmen Sie ein Kapitel Ihrem Vater und gehen sehr kurz, aber liebevoll auf Ihre Mutter ein. Worauf Sie gar nicht eingehen, ist die Frage, wie Sie damals mit dem Selbstmord Ihrer Mutter umgegangen sind.
Die Zeit macht manches blasser, man weint nicht mehr jeden Tag darüber. Aber meine Mutter war eben auch ein Opfer eines Psychiaters:

Man gab ihr, die an wirklicher Schwermut litt, zwar antriebssteigernde, nicht aber depressionslösende Medikationen. Das hat sie schließlich in den Tod getrieben, denn die Natur hat es ja wahrlich weise eingerichtet, denn mit Depressivität geht zum Schutz des von ihr Befallenen Antriebsarmut einher. Nehme ich diesen natürlichen Schutz mittels Chemie weg, löse die Depression aber nicht auf, nehme ich den Tod des Menschen in Kauf.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?
Nein, seit 20 Jahren nicht mehr. Ich denke, ich erinnere ihn an meine Mutter, was zu schmerzlich für ihn wäre, aber ich kenne die Gründe nicht wirklich.

Wie haben Sie sich als Unstudierter vor lauter promovierten und habilitierten Ärzten gefühlt?
Ich bin nicht der Ansicht, dass das Medizinstudium ein bildungsförderndes Studium ist, was ja nicht ausschließt, dass manche Ärzte, obschon sie Ärzte sind, dennoch
über ein bisschen Bildung verfügen. Ich jedenfalls hatte keine Unterlegenheitsgefühle. Ich habe mich in der Psychiatrie als Hochstapler unter Hochstaplern gefühlt. So war's. Und wenn Sie einen Vortrag halten über die Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung, der Mythomanie, und keiner der hundert anwesenden Psychiater stellt auch nur eine einzige Frage, da kommt man schon ins Grübeln und hat nur noch mäßige Achtung...

Wie war das mit den Beamten im Dresdner Gesundheitsministerium?
Der Staatsminister und ich waren! wechselseitig voneinander begeistert. Ich empfand ihn als einen eher angenehmen, wenn auch etwas gehemmten Menschen. Man war im Ministerium "bei Hofe". Aber die Natürlichkeit des Ministers war nett: Als ich kam, sagte er, schön, dass Sie da sind, ich geh nur noch mal kurz zur Toilette, dann bin ich für Sie da. Den Westtarif würde er mir für meine Tätigkeit nicht geben können, worauf ich entgegnete, dass ich so bescheiden nun auch wieder nicht sei, dass man mich mit Geld abspeisen könne. Schließlich sei ich Arzt und nicht Kaufmann. Man war ganz begeistert und irgendwann hatte ich im Ministerium eine Art Heiligenschein.

Was ich nie begriffen habe, ist die Leichtgläubigkeit der Leute.
Das Phänomen ist leicht zu erklären: Man prüft und kontrolliert nur da, wo man zweifelt. Man hat aber weder an mir noch an meiner Arbeit jemals Zweifel gehabt. Ich habe es nicht erlebt, dass ich während der Zeit jemals kritisiert worden bin.

Spielte die Angst vor Entdeckung bei Ihnen eine Rolle?
Ich hatte mit jedem Tag die Klinik besser im Griff. Ich hatte gutes Personal, fast ausnahmslos Fachärzte, die zum Teil sogar habilitiert waren, also die Befähigung zur Professur hatten. Ich habe die Erfahrung bei den nachgeordneten Ärzten gemacht, dass sie zwar sehr viel wussten, aber wenig davon anwenden konnten. Es gebrach ihnen sehr häufig an Intuition, etwas, ohne dem man als Arzt besonders in der Psychiatrie eigentlich nicht leben kann. Ich habe mich sehr häufig in Obergutachten mit fehlerhaften Erstgutachten auseinander setzen müssen, deren Intellektualität sich oft in engen Grenzen hielt. Man ist im Übrigen immer meinen Gutachten gefolgt.

Und diese Gutachten wurden bis heute nicht revidiert?
Wenn man das Zutreffende umkehren wollte, hat man das Falsche, also, warum hätte man meine Stellungnahmen umkehren sollen? Im Übrigen lässt sich in der Psychiatrie alles, aber auch alles plausibel begründen, das Gegenteil und auch das Gegenteil vom Gegenteil. Psychiater sollten, wie ich finde, ein wenig bescheidener auftreten.

Ich war in Strafsachen im Übrigen der Ansicht, dass der inflationäre Umgang mit schuldmindernden oder schuldausschließenden Paragrafen, also der §§ 20, 21 StGB, falsch ist. Wer eine Straftat begeht, hat für die Folgen einzustehen. Diese Folgen sind eine Antwort der Gesellschaft auf sein Tun. Ich habe als Gericht kein Recht, einem Straftäter diese Antwort zu unterschlagen. Wie weiß ich denn, wer ich bin? Indem ich Antworten erhalte, auch in Form von Strafurteilen. Diese Ansicht hat mich bei Strafrichtern beliebt gemacht, bei Staatsanwälten sowieso.

Und der Aufwand für so ein Gutachten?
Also, ich habe häufig die Beschuldigten in der U-Haft aufgesucht und auf dem Rückweg nach Zschadraß im Auto das Gutachten bereits diktiert. Die Sekretärin hat's dann nur noch geschrieben.

Ihr spektakulärster Fall?
Ein Wiederaufnahmeverfahren wegen eines Tötungsdelikts in Chemnitz. Der Erstgutachter hatte, wie ich fand zu Unrecht, verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Ich war von uneingeschränkter Schuldfähigkeit ausgegangen. Man ist meinem Gutachten gefolgt. Ich glaube, ich galt bei Staatsanwaltschaften und Gerichten als forensischer Hardliner.

Und Sie waren Mitglied der CDU in Grimma?
Nein, es kam nicht mehr dazu, sondern es war beabsichtigt. Aber die Grenzen sind fließend zwischen CDU und SPD, ich finde die CDU in ihrem kapitalistischen Gestus etwas ehrlicher als die SPD, die letztlich dasselbe verfolgt, aber unter einem heuchlerischen Deckmantel. Im Übrigen neige ich zu der Ansicht, dass wir in Deutschland durchaus nicht in einer Demokratie leben. Aber das wäre ein langes Thema...

Wovon leben Sie heute?
Ich brauche wenig, wer geistige Interessen hat, hat weniger materielle. Im Übrigen ist die Frage auch ein bisschen obszön. Was geht das die Öffentlichkeit an? Außerdem darf ich über gegenwärtige Projekte eigentlich nicht sprechen. Schreiben Sie doch, ich sei Berater der irakischen Übergangsregierung für die Implementierung der Sozialpsychiatrie nach sächsischem Vorbild im Irak.

Gut, aber es gibt doch ein Filmprojekt, oder?
Ja, es wird im nächsten Jahr ein Kinofilm gedreht, und zwar in den USA. Da geht's um einen bloß fiktionalen Postel. Der Film wird in Deutschland im Frühjahr 2005 zu sehen sein. Ich selbst werde während der Filmarbeiten gelegentlich in den USA sein. Mich langweilt es immer ein bisschen, mich mit Fragen auseinander zu setzen, die Dinge betreffen, die ich
vor zehn Jahren gemacht habe. Man macht sich so zum eigenen Plattenspieler. Im nächsten Jahr wird aber ein neues Buch kommen. Der Titel lautet: "Weiter im Text..."

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